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Führungsakrobatik – ein Balanceakt

Veröffentlicht am 14.07.2023
Der Spagat zwischen Flexibilität und Stabilität war für Führungskräfte selten einfach. Mit fortschreitendem Mitarbeitermangel drohen zurzeit allerdings einige von ihnen vom Hochseil zu fallen.

von Monika Meiler, Dozentin, Coach/Supervisorin HFP & BSO sowie eidg. dipl. Betriebsausbildnerin

Wenn eine Krise da ist, kommt unweigerlich die Frage auf: «Hätte ich es kommen sehen müssen?». In Sachen Mitarbeitermangel gab es lange bevor die Krise eintrat zahlreiche Prognosen aus den unterschiedlichsten Sparten der Wissenschaft. Die Pandemie und ihre Folgen für die Arbeitswelt haben dem Prozess zusätzlich keine sonderlich hilfreichen Parameter hinzugefügt. Deutlich spürbar wird der Druck der Führung dort, wo sich Mitarbeitende aus den Generationen Baby Boomer und Generation Z mit ihren Bedürfnissen wie entgegengesetzte Pole gegenüberstehen.

Erste Hilfe bei Generationen-Clash

Gerade in solch herausfordernden Phasen brauchen Führungskräfte Klarheit. Der Versuch, es allen recht zu machen, kann nur misslingen. Stattdessen sollte eine Führungskraft sich bewusst machen, wer sie ist, für was sie steht und was sie von ihren Mitarbeitenden – egal aus welcher Generation – erwartet. Konsequent die eigene Linie zu befolgen, strahlt Sicherheit und Verlässlichkeit aus, zwei Werte, die gerade für ältere Generationen attraktiv sind. 
Aber: Klarheit bedeutet nicht Strenge. Führungskräfte sollten unbedingt ihre Coachingfähigkeiten ausbilden und schulen, um menschlich mit ihren Mitarbeitenden umzugehen. Welche Wünsche und Bedürfnisse haben die Mitarbeitende hinsichtlich ihrer Arbeit? Was könnte ihre Prozesse erleichtern? Wo gibt es ungelöste Konflikte? Aktiv Zuhören und der Wille denjenigen, der jeden Tag für einen aufsteht, wirklich zu verstehen, ist essenziell, um Vertrauen und Loyalität aufzubauen. Natürlich können Führungskräfte nicht alle Wünsche und Bedürfnisse erfüllen, erstaunlicher Weise erwarten Mitarbeitende das häufig sogar nicht mal oder verstehen es, wenn ihre Führungskraft offen und ehrlich mit ihnen spricht und in ihrer klaren Haltung dabei konsequent bleibt.
Kommunikation ist somit der dritte Baustein, den Führungskräfte sich in ihrem Balanceakt vornehmen sollten. Menschen müssen, um gut miteinander auszukommen, kommunizieren. Wer möchte, dass die eigenen Mitarbeitenden nicht ein Haufen Einzelkämpfer sind, sondern ein Team, das miteinander und letztendlich füreinander arbeitet, muss diese Menschen in Kommunikation halten. Wer nicht miteinander spricht, arbeitet auch nicht gut miteinander. Gibt es unausgesprochene Konflikte, dann müssen diese gelöst werden. Gleichzeitig braucht es genug Möglichkeiten, um auch informell miteinander ins Gespräch zu kommen. Gemeinsam frühstücken, zu Mittag essen oder After Work-Veranstaltungen (was auch gern einfach ein gemeinsames Feierabend-Bier sein kann) können dafür ein erster Schritt sein.

Verbindlichkeit kommt von verbinden

Gerade vermeintlich verfeindete Lager wie Baby Bommer und Generation Z können wahnsinnig voneinander profitieren – wenn sie miteinander sprechen. Vielleicht mögen sie zufällig die gleiche Band? Oder interessieren sich für den Tierschutz? Trinken gerne Wein? Oder wandern in ihrer Freizeit? Erst wenn aus Stereotypen wieder Menschen mit Eigenheiten und Besonderheiten – aber vor allem Gemeinsamkeiten – werden, können vorschnell gezogene Mauern zwischen ihnen abgebaut werden und gegenseitiges Verständnis wird möglich. 
Auch wenn das Wort «Verbindlichkeit» bei vermehrt jungen Menschen Fluchtimpulse auslöst, ist sich mit anderen Menschen zu verbinden ein soziales Bedürfnis, von dem alle Beteiligten nur profitieren können. Es ist mit die Aufgabe der Führungskraft, dass alle Mitarbeitenden, die das bisher noch nicht wissen, es kennenlernen und erleben. 
Mit festem Stand und einem starken Team, das in der Lage ist, ihre Führungskraft auch mal aufzufangen, wird der beängstigende, risikoreiche Balance-Akt Führung zum positiv herausfordernden Seiltanz.

Über Monika Meiler
Nach ihrem medizinischen Basisberuf absolvierte Monika Meiler die Marketingleiterausbildung und war viele Jahre in einem Telekom-Konzern in diversen Funktionen tätig. Heute ist sie als Dozentin, Coach/Supervisorin HFP & BSO sowie als eidg. dipl. Betriebsausbilderin in der Schweiz, Deutschland und Österreich in den Themengebieten Leadership, Kommunikation, Team, Konflikt, Change unterwegs. 2018 erschien ihr erstes Buch „Steh auf Männchen – Krisenkompetenz für Manager“ im Orell Füssli Verlag.

Bild: 123rf