Damit das Feuer nicht ausgeht, muss man Holz nachlegen

Arbeitsmarktthemen05. September 2016
Problem Burn-out - Mangelnde Belastbarkeit oder ineffizientes - Mehr Tipps und Infos auf suedostschweizjobs.ch 1
Typischerweise geht man davon aus, das Problem Burn-out liege beim erschöpften Menschen selbst: mangelnde Belastbarkeit, Abgrenzungsprobleme oder ineffizientes Zeitmanagement lautet etwa die Diagnose. Falsch. Jedenfalls mehrheitlich.
 
von Sina Bardill

Die Ursachen der Erschöpfung
Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa nennt zwei Ursachen für eine Erschöpfung: Beschleunigung und Reichweitenvergrösserung. Beschleunigung wird erzwungen, wenn das ganze System auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet ist. Produktivität steigt nur, wenn alle Arbeit effizienter, d. h. schneller erledigt wird.
Und die grössere Reichweite? Dadurch, dass unsere Welt global geworden ist, vergleichen sich Arbeitnehmende nicht mehr nur mit der Nachbarin oder dem Arbeitskollegen. Sie stehen in Konkurrenz mit der ganzen Welt. Was in Berlin und New York gilt, kommt rasch auch in Hinterpagig an. Das erhöht die Anforderungen, weckt Ansprüche und Bedürfnisse. Für diese muss viel Lebenszeit investiert werden. Laut Bundesamt für Statistik verdienen in der Schweiz auch tatsächlich immer mehr Menschen mehr. Die Konsummaschine läuft wie geschmiert. Der Preis: eine beängstigend zunehmende Erschöpfungsrate.
 
Licht am Ende des Tunnels?
Viele Ratgeber tun so, als ob man es nur richtig machen müsse, um bei Kräften zu bleiben. Und so hat jeder seine Strategien entwickelt, um zu versuchen, Oberwasser zu behalten. Monokultur leben – alles auf die berufliche Karte setzen, sich mehr anstrengen, um zu genügen. Oder: Konstante Selbsttäuschung, es gehe nur noch um begrenztes Durchhalten, am Ende des Tunnels sei Licht in Sicht – wahr wird es nie, aber es beruhigt. Oder: Alles dem eigenen mangelhaften Zeitmanagement anlasten und eine «Kampfbe-
ziehung zur eigenen Lebenszeit» (K. H. Geissler) führen.
Wenn das Ganze aber Teil des globalen Wachstumssystems ist, lässt es sich nicht individuell lösen. Zentral sind drei Erkenntnisse: Erstens: Jeder Mensch hat bezüglich seiner Leistungsfähigkeit Grenzen. Zweitens: Zeit lässt sich nicht mehren. Drittens: Die eigenen Prioritäten müssen überdacht werden. Sollen wirklich alle immateriellen Güter wie soziale Kontakte, Naturerleben, die eigene Gesundheit dem nächsten (Frust-)Kaufbedürfnis untergeordnet werden?
 
Was nährt das innere Feuer?
Wer erschöpft ist, ist nicht selber schuld. Das zu wissen, entlastet – und es macht frei, die eigenen Gestaltungsräume zu nutzen, um gesund zu bleiben.
Wo ist mein Spielraum? Rosa postuliert «Resonanz» und meint damit, wirklich in Kontakt zu treten (so wie es ein mitschwingender Körper eines Instruments tut). Als Gegenüber kommen dabei andere Menschen infrage, aber auch Tiere, die Natur oder eine Landschaft.
Alles, was berühren kann und was dazu beiträgt, auch mit sich selbst in Kontakt zu kommen: Wahrnehmen über die fünf Sinne, eigene Resonanz in Form von Gefühlen und Körpersignalen zu spüren. Das kann nähren, ist verbunden mit Lebendigkeit – und gibt Nachschub für das Lebensfeuer.
 
Sina Bardill ist Psychologin FSP und Supervisorin/Coach BSO. Sie arbeitet seit 2003 als Beraterin in eigener Praxis.
www.gestaltungs-raum.ch

 

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