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Die eigene Lebenszeit zurückerobern – denn diese gehört mir allein

Arbeitsmarktthemen 22. Juni 2015
Die eigene Lebenszeit zurückerobern – denn diese gehört mir allein - suedostschwweizjobs.ch
Stundenmässig arbeiten wir weniger als unsere Grosseltern. Dennoch greifen Überforderung und Erschöpfung immer mehr um sich – in den Teppichetagen wie im Niedriglohnbereich. Die Tendenz zur steten Leistungssteigerung ist jedoch weit über die Berufswelt hinaus feststellbar. Sie betrifft mittlerweile alle Lebensbereiche.
von Sina Bardill

Viele Faktoren spielen bei dieser Entwicklung eine Rolle. So hat sich etwa das Tempo in allen Lebensbereichen erhöht: mehr muss in kürzerer Zeit erledigt werden. Die Erreichbarkeit rund um die Uhr, die Fülle an zu verarbeitender Information, die Auswechselbarkeit von Menschen an ihrem Arbeitsplatz: All dies führt zu Selbstausbeutung und zu massiv erhöhtem Stress.
 
Von der Arbeit zum Wettbewerb
Die aktuellen Zahlen des Job-Stress-Indexes zeigen, dass sich ein Viertel aller Arbeitnehmenden in der Schweiz ziemlich oder sogar sehr erschöpft fühlt. Diese Menschen sind massiv gefährdet, ihre Arbeitsfähigkeit (zumindest vorübergehend) einzubüssen.
Die Erschöpfung hängt mit den nie enden wollenden Anforderungen zusammen. Genug ist nie genug: immer wartet an der nächsten Ecke die nächste Herausforderung. Andauernd müssen sich Menschen auf veränderte Umstände einstellen, Neues lernen, sich beweisen und bewähren. Die Leistungssteigerung ist ein zentrales Merkmal modernen Lebens. Denn ohne sie ist das kontinuierliche wirtschaftliche Wachstum nicht zu haben. Und dies gilt nicht nur in der Arbeitswelt: Auch in Paarbeziehung und Familie herrschen zunehmend Wettbewerbsbedingungen. Auch da ist es nie genug mit «Beziehungsabeit», mit dem Bieten von elterlicher Nestwärme und dem Erfüllen von vielen anderen Ansprüchen.
 
Zuerst meldet sich der Körper
Die Leistungsfähigkeit ist begrenzt. Wird die Grenze überschritten, leidet zunächst das körperliche Wohlbefinden. Der Körper meldet sich mit deutlichen Signalen: Kopfschmerzen, Rückenprobleme, Schlafstörungen. Mögliche Folge davon: Man muss noch mehr tun, noch mehr auf den Leistungskatalog setzen, um gegen die aufkommenden neuen Probleme anzukommen: Sport treiben, gesunde Ernährung beachten, Entspannungstechniken üben – um nur einige Aktivitäten zu nennen.
So leben eigentlich viele in einer «Kampfbeziehung zur eigenen Lebenszeit» (so ein Zitat des Zeitforschers Karlheinz Geissler). Dabei wird die Zeit behandelt, als ob man sie mehren könnte – wenn man denn nur genug Effizienz und eine strikte Organisation an den Tag lege.
 
Gegensteuer geben
Es führt zum sicheren Kollaps, wenn im Umgang mit der Zeit nur die Beschleunigung vorkommt. Was es hingegen dringend bräuchte, ist die Zeitvielfalt: Warten, Wiederholung und Langsamkeit. Sie sind bereits in sich wertvoll. Beim Warten kommen spontan die guten Ideen. In der Wiederholung verinnerlichen wir Dinge und werden zu Könnern. In der Langsamkeit sind wir ganz im Hier und Jetzt. Die eigene Lebenszeit zurückzuerobern heisst: Immer mal wieder Nein sagen zu Tempo, Leistung, Konkurrenz. Meine Lebenszeit gehört mir.
 
Über die Autorin: Sina Bardill ist Psychologin FSP und Supervisorin/Coach BSO. Telefon 081 651 50 43
www.gestaltungs-raum.ch
 
Bildlegende: Wieder vermehrt über die eigene Lebenszeit zu verfügen, ist das Ziel.               Bild zVg

 

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